Montag, 30. April 2012

Rückkehr aus dem Supermarkt der paganen Eitelkeiten

Dieses Bild wurde nicht am Tag der Konferenz
aufgenommen und stellt auch kein Skyclad-Ritual dar.
Es stammt von der offiziellen Webseite des Prinsenhofs.
Wie kommt es, dass man als naturspiritueller Mensch während einer paganen Veranstaltung so selten echte Bäume zu Gesicht bekommt, dafür aber Tonnen von Kunstblumen und Feenglitter? Eine Frage, die ich mir immer wieder stelle, wenn ich eine Konferenz der Pagan Federation besuche wie gestern die unserer niederländischen Nachbarn.
Nachdem ich die ersten Stunden in einem abgeranzten Wirtshaus ausserhalb von Lunteren Vorträgen gelauscht, Ware begutachtet und bekannte Gesichter begrüsst habe, geht es mir mit meiner unerklärlichen Sucht nach Sauerstoff durch und ich schnappe mir meinen Mann Arno um einen ausgedehnten Spaziergang an der frischen Luft zu machen.
Tief durchatmen... und die Landschaft geniessen. Lunteren ist ein wirklich schmuckes Fleckchen, umgeben von weiten Wäldern, die zu Ritualen nur so einladen. Warum kommt keiner von der Orga auf die Idee, einen Ort anzumieten, wo man Rituale unter echten Bäumen abhalten kann, statt unter dem Plastikblumen-Blätterdach in einem fiesen Partykeller? Aber natürlich fallen auch mir genug Gründe ein: Der Ort muss gut erreichbar sein. Und vor Allem: auch fette Menschen, die nach fünf Minuten Fußweg schnaufen wie mein Mann nach einem Marathon und solche, die Angst vor Zecken haben, dürfen sich nicht ausgeschlossen fühlen. Ich höre sie schon schreien: Diskriminierung (oder was immer das auf Holländisch heißt)!!!
Hm... nun gut. Vielleicht muss man bei einer solchen Veranstaltung wirklich den kleinsten gemeinsamen Nenner bedienen. Andererseits: OBOD Camps funktionieren problemlos mit Feuerstelle und Sternenzelt, und bisher waren die Wege dorthin auch nicht so beschwerlich, dass irgendwelche Walfrauen mit Filztaschen sich per Hubschrauber hätten einfliegen lassen müssen (obwohl ich das gern mal sehen würde).
Der Rest des Tages wird nicht besser. Marian Green ist ein Lichtblick der Veranstaltung, aber ich bin mir während ihres Vortrags nicht sicher, ob der gute, aber nicht gerade neue Rat: "Wenn ihr Heidentum leben wollt, geht in die Natur!" auf allzu viele offene Ohren trifft.
Der Rest der Vorträge ist entweder in Holländisch oder handelt von Engeln, also nicht mein Ding. Wir essen Buletten und Pommes statt Salatplatte. Supergesund für den Körper, der ja nach naturreligiöser Vorstellung der Tempel der Götter ist. Ich sag nur: Fritten für Freya!
Ich sehne mich zurück in meinen Wald und in die Zeit, als Heidenszene für mich noch nicht mit bösartigem Sarkasmus verknüpft war.
Kurzerhand fahren wir nach dem Abschlussritual, das in etwa so fade daherkommt wie der abgestandene Biergeruch des Kellerlochs (ich hoffe es ist nur Bier, aber man kann nie wissen...), nach Hause statt wie geplant die Party mitzumachen und bei einer Freundin zu übernachten. Wir sind einfach zu platt und wundern uns wieder einmal, wie Menschen, die sich als Hexen bezeichnen, nicht sensitiv genug sein können, um eine gute von einer schlechten Location zu unterscheiden.
2 Stunden später steigen wir in der Bochumer City aus und ich fühlen uns wie im Urlaub: 24 Grad statt der frischen 16 Grad in Lunteren! Wir lassen uns im Bermudadreieck, in dem es bei dem Wetter brodelt wie bei den dionysischen Mysterien, an einem hübschen zentralen Tisch vor dem Extrablatt nieder und bestellen Bier und Salat. Nett hier, wirklich nett hier. Ich seufze auf, lasse die Anspannung des Tages von mir abfallen und betrachte den Halbmond am immer noch blauen Himmel über mir. Schön. Das hat mir gefehlt.
Erst jetzt wird der Irrsinn mir völlig klar. Ich sehe heute zum ersten Mal den Mond. Zum ersten Mal! Und ich hoffe dass meine paganen Mitbrüder und -schwestern in Lunteren ebenfalls einmal den Blick von ihren Glitzersteinen und Vortragsblättchen zum Himmel heben. Darauf ein kräftiges "So sei es!"


Anmerkung: Es sei darauf hingewiesen, dass die diesjährige Location eine Notlösung war, da das sonst genutzte und wesentlich angenehmere Gebäude renoviert wird. Trotzdem, viel raus sind die irgendwie nie gegangen!